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Die evangelische Kirchengemeinde
in Bischofsburg

Von Robert Teichert

Bis zum Jahre 1772 war die Gemeinde Bischofsburg rein katholisch. Als dann das Fürstbistum Ermland mit dem überwiegend evangelischen Königreich Preußen vereinigt wurde, zog mancher evangelische Kaufmann oder Handwerker hier hin. Bedeutungsvoll für den Zuzug Evangelischer wurde die zwischen 1780 und 1790 fallende Anlage einer großen Leinwandfabrik in dem bei Bischofsburg gelegenen Wilhelmsthal, wodurch viele Weber aus Deutschland, besonders aus der Lausitz, sämtliche lutherischer Konfession, herangezogen wurden. Die Seelsorge wurde zunächst durch Geistliche aus den angrenzenden masurischen Kirchspielen ausgeübt. Im Jahre 1787 ließ König Friedrich Wilhelm II. in der heutigen Johannisgasse auf der Stelle, wo sich vorher eine Schießbude befunden hatte, der jungen Gemeinde ein etwa 350 Personen fassendes Bethaus errichten (heute Polizeiwache), mit dem gleichzeitig ein Unterrichtsraum und die Wohnung für den Pfarrer verbunden waren. Das Gebäude stand hart an der Stadtmauer und war 120 Fuß lang und 34 Fuß breit; es war einstöckig, aus massivem Mauerwerk und mit Dachpfannen gedeckt.

Unterm 28. 11. 1791 wurde Dietrich Gottfried Niedt vom Etatsministerium als erster evangelischer Geistlicher und Lehrer im Ermlande nach Bischofsburg berufen. Die Einführung in sein Amt erfolgte am Palmsonntag 1792. Im Jahre 1796 wurde Niedt auch die Seelsorge in und um Seeburg übertragen mit der Verpflichtung, dort jeden sechsten Sonntag Andacht abzuhalten. Erst am 21.12.1832 erhielten die Seeburger einen eigenen Geistlichen. Da Niedt Prediger und Lehrer zugleich war, bezog er vom Staate doppeltes Gehalt, nämlich 120 Tlr. jährIich. Sein ganzes Einkommen, die Nebeneinkünfte als Geistlicher und das Schulgeld mitgerechnet, schätzte Niedt selbst im Jahre 1808 auf 250 - 270 Tlr. Dazu hatte er freie Wohnung im Kirchen- und Schulgebäude. Die Helfer Niedts, ein Glöckner und ein Vorsänger, bezogen eine Jahresvergütung von je 5 Tlr. aus der Kirchenkasse.

Fast 60 Jahre lang, von 1787 bis 1846, wurde in dem Bethause der evangelische Gottesdienst abgehalten. Bereits 1791 mußte eine Erneuerung des Daches, zu der die hiesigen Töpfer die Dachpfannen lieferten, vorgenommen werden. In der Folgezeit war das Gebäude zeitweise so verfallen, daß Wände und Decken gestützt werden mußten, bei Regenwetter Prediger und Zuhörer naß bis auf die Haut wurden und zur Winterszeit der Fußboden mit Eis bedeckt war. Da der Untergrund sumpfig war und die nahe Stadtmauer nahezu jeden Sonnenstrahl abhielt, zerstörte der Stockschwamm immer wieder alles Holz. Die Wohnung war daher sehr ungesund, und die Folge davon war ein ständiger Wechsel der Pfarrer. Auf die Bittgesuche an den König sagte dieser unterm 17.10.1817 die Gewährung staatlicher Mittel zur Errichtung eines würdigen Gotteshauses und einer neuen Schule zu. Das Versprechen wurde jedoch erst nach 25 Jahren eingelöst. Inzwischen erwog man, um einen kostspieligen Neubau zu ersparen, den Umbau des städtischen Brauhauses auf dem Markte, dann den Umbau eines Speichers von der Form eines Rhomboids. Alle Baupläne, auch die bescheidensten aber scheiterten an der Geldnot des Staates.

1831 genehmigte der König den Ankauf mehrerer Ackerstücke und Gärten vor dem Seeburger Tor zum Aufbau von Kirche, Schule und Pfarrhaus aus Staatsmitteln, und der Kaufmann Scherhans schenkte dazu noch den Platz, auf dem heute die Kirche steht. Die Gemeinde ehrte später den Spender, indem sie ihm das große Erbbegräbnis unmittelbar an der Altarnische zubilligte. Durch Kabinettsordre vom 15.1.1842 bewilligte endlich der König im Gnadenwege die gesamte veranschlagte Bausumme für den Neubau der Kirche und des Glockenstuhles in Höhe von 14 172 Rtlr. 12 Sgr. Die Ausführung des Baues übertrug die Regierung den Kaufleuten Pruß, Jagielki und Milkau. Am 15. August 1842 fand die feierliche Grundsteinlegung und am 24. Juni 1846 die Einweihung der Kirche statt. Gänzlich vollendet wurde der Bau erst 1848.

Die Kirche ist eine sogenannte Basilika, die hierzulande fremdartig wirkt. Es erscheint deshalb notwendig, einige kurze Ausführungen über den Basilikenstil, den ältesten kirchlichen Baustil, zu machen. Das Vorbild der Basilika war das altrömische Gerichtshaus. Die berühmte St. Pauluskirche wie auch die ursprüngliche Peterskirche in Rom waren Basiliken. Der Basilikenstil entwickelte sich bald zum romanischen und später zum gotischen Baustil weiter. Die romantische Zeit zu Anfang des 19. Jahrhunderts zeigte für die Nachahmung alter Bauformen eine besondere Vorliebe. Der kunstliebende, bayrische König Ludwig I., (1825-48) erbaute die in Deutschland einzig dastehende, berühmte Bonifaziuskirche in München in Form einer Basilika. Seinem Beispiel folgte Friedrich Wilhelm IV., der eine bayrische Prinzessin geheiratet hatte. Er erbaute im Basilikenstil die Friedrichskirche in Potsdam, in der er mit der Königin begraben liegt.

Auf Antrieb des Königs wurden, soweit bekannt, zwei Kirchen in Ostpreußen, darunter die evangelische Kirche in Bischofsburg, im Basilikenstil erbaut. Soweit aus den Akten ersichtlich, diente als Muster für die Bischofsburger Kirche die Kirche in Nackel in der Mark. Eine Basilika hat stets die Form eines Rechtecks, in dessen beiden Schmalseiten sich der Eingang und eine halbkreisförmig ausgebaute Nische, die Apsis, befinden. In die Nische wird, einige Stufen höher, der Altar gestellt. Gleichlaufend mit den Langseiten des Rechtecks erhebt sich rechts und links je eine Säulenreihe, die beiderseits Nebenräume von dem großen, hellen Mittelraum abtrennen. Die Nebenräume der Bischofsburger Kirche wirken dunkel, weil über ihnen Emporen (Galerien) eingebaut worden sind, die durch große Seitenfenster erhellt werden. Ueber den Emporen befinden sich einseitig abfallende Pultdächer; über diese hinaus erhebt sich der auf Pfeilern ruhende Mittelbau, der wiederum im oberen Teile beiderseits Fenster enthält.

Am 21. Juni 1854 besichtigte König Friedrich Wilhelm IV. auf einer Durchreise durch die Stadt die neue Kirche, deren Erbauung er durch die Gewährung der vollen Baukosten ermöglicht hatte.

Das alte Bethaus wurde 1847 an den Kaufmann Scherhans für 520 Rtlr. verkauft. 1859 befand sich auf dem Platze ein anderes Gebäude, in dem die katholische Mädchenschule untergebracht wurde.

Der seitwärts neben der Kirche stehende, 80 Fuß (25 Meter) hohe Turm wurde in den Jahren 1868-72 erbaut. Die gesamten Baukosten betrugen 4717 Rtlr. 22 Sgr. 11Pf., zu denen die Staatskasse mit 2196 Rtlr. 25 Sgr. 6 Pf. den Wert der Zimmerer- und Maurermaterialien erstattete Der auf die Kirchengemeinde entfallende Teil der Baukosten in Höhe von 2520 Rtlr. 27 Sgr. 5 Pf. wurde durch freiwillige Spenden der Kirchspieleingesessenen und Sammlungen in mehreren Gustv-Adolf-Vereinen aufgebracht 1877 wurde die Turmuhr angeschafft.

Zur Jubiläumsfeier der evangelischen Kirchengemeinde anläßlich ihres hundertjährigen Bestehens am 29.5.1892 wurde das Kircheninnere vollständig renoviert. Es wurden Fliesen verlegt, Wände und Decken ausgemalt und Altar, Taufstein und Kronleuchter neu angeschafft. 1894 wurde die Orgel für den Preis von 4355 Mark angeschafft.

Im Weltkriege mußte eine Glocke abgeliefert werden. Die Weihe der neu angeschafften Glocke erfolgte am 27. Juli 1924. Zwei Glocken hat nun die evangelische Gemeinde. Beide sind mit Ornamenten reich verziert. Die alte kleine Glocke ist von der Firma Gebr. Reschke, Rastenburg, im Jahre 1845 gegossen und trägt die Inschrift: "Lasset Euch versöhnen mit Gott!" Auf der neuen steht der Widmungsspruch: "Herr Gott, du bist uns're Zuflucht für und für". Zwei weitere Inschriften bekunden, daß höchste Gefahr uns die alte Glocke genommen und Opferwilligkeit der Gemeinde eine neue beschafft hat: "In größter Kriegsnot dem Vaterlande geopfert 1917" und "Wiedergegossen von Franz Schilling & Söhne in Apolda 1924". Sie hat den Ton g, wiegt 570 kg und kostete 1738 Mark. 1927 wurde die schadhafte, alte Kirchenheizung durch eine neue ersetzt..

Die Pfarrer mußten seit 1829 ihre Wohnung in Bürgerhäusern nehmen, weil das Bethaus unbewohnbar geworden war. In Jahre 1860 wurde, größtenteils durch Sammlungen in der Gemeinde, der ältere Teil des Pfarrhauses erbaut; der neuere Teil mit dem Gemeindesaal wurde erst im Jahre 1907 errichtet.

1845 wurde das Gut Rothfließ aufgeteilt und mit elf evangelischen hessischen Familien, meistenteils Handwerkern aus Pfungstadt bei Darmstadt, besetzt. Die Hessen wurden aber hier nicht heimisch. Klima und Boden entsprachen nicht ihren übertriebenen Erwartungen. Einige von ihnen verkauften alsbald ihr Grundstück und wanderten nach der Heimat zurück; um dort wieder ihr Handwerk auszuüben; andere bestritten ihren Lebensunterhalt noch eine Zeitlang durch Fuhrwerken, nämlich durch Beförderung von Frachten von Bischofsburg nach Ortelsburg, und betrieben die Landwirtschaft nebenbei. 1881 starb der letzte, noch hier gebliebene Hesse, Philipp Schroth. Bei der Einweihung der Kirche im Jahre 1846 zog die gerade gegründete Hessenkolonie mit iher in hessischen Farben gehaltenen, rotweißen Fahne öffentlich auf. Die Fahne wurde von den Hessen der Kirche geschenkt; sie befand sich noch 1890 auf dem Orgelchor.

Um die evangelische Bevölkerung in den abgelegenen Teilen der hiesigen Diasporagemeinde in religiöser Hinsicht besser betreuen zu können, wurden in neuerer Zeit in Rothfließ, Bergenthal und Raschung Kapellen errichtet. Die Rothfließer Kapelle wurde am 27.10.1895, die Bergenthaler am 18.10.1900 und die Raschunger am 18.10.1925 eingeweiht.

Die Gemeinde zählte in Stadt und Land 1800 565, 1808 500, 1816 554, 1834 1200, 1866 1600, 1930 2200 Seelen. Eingepfarrt sind 23 Gemeindebezirke, und zwar alle Ortschaften in der Südecke des Kreises Rößel bis zu einer Linie, die über folgende Ortschaften verläuft: Bischofsburg - Labuch -Gr. Wolka - Teistimmen - Krausen - Sternsee; ferner folgende Ortschaften im Allensteiner Kreise: Kirschbaum, Nerwigk, Leschno, Klimkowo, Schönfließ. Die Zahl der jährlichen evangelischen Taufen beträgt 51, die der Trauungen 13 und die der Todesfälle 21 im Durchschnitt der letzen drei Jahre.