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Die Jüdische Gemeinde
in Bischofsburg

Von Aloys Sommerfeld

Das Landstädtchen Bischofsburg war die Kreisstadt des Kreises Rößel. Die Anfänge der jüdischen Gemeinde lassen sich nicht genau ausmachen. Im Jahre 1835 zählte sie jedenfalls 84 Mitglieder. Nach dieser Zahl könnte sie schon 1835 eine Synagoge besessen haben. Ihr Betraum befand sich zuletzt im alten Finanzamt am Marktplatz, dem ehemaligen Hotel "Bischofsburger Hof", das in der Abstimmungszeit 1920 den polnischen Agitatoren als Kreisgeschäftsstelle und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 den NS-Organisationen als Parteihaus diente.

Der Friedhof der Bischofsburger Judengemeinde befindet sich am Ausgang der Stadt auf der rechten Seite der Landstraße nach Bredinken entlang der Eisenbahnlinie, die die Straße kreuzt.

Über die zahlenmäßige Entwicklung der jüdischen Gemeinde gibt die folgende Tabelle Aufschluß. Sie zeigt die Anzahl der jüdischen Gemeindemitglieder im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung:

Jahr

1835

1846

1849

1871

1880

1885

1895

1905

1910

1925

Juden

84

111

101

134

133

124

100

54

66

39

Einwohner

2281

2645

2604

3787

4071

4153

4348

5246

5428

5535

Zwischen Juden und Christen herrschte in Bischofsburg ein gutes Verhältnis. Man achtete einander, grüßte sich, sprach miteinander und kaufte dort ein, wo man glaubte, dies am günstigsten tun zu können. Zu familiären Verbindungen kam es wegen der religiösen Barrieren unter den Konfessionen nicht. Juden pflegen mit Andersgläubigen keine Tischgemeinschaft zu halten, und Katholiken dürfen nur mit bischöflicher Erlaubnis einen Juden heiraten. Jedoch nur in dieser Hinsicht herrschte zwischen den Bevölkerungsgruppen Distanz.

Dieses Verhältnis änderte sich ab 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Die ständig wiederholte Hetze der Parteiorganisationen der NSDAP gegen die jüdischen Bürger riß soziale Gräben auf und ließ in dem nichtjüdischen Bevölkerungsteil eine Abneigung gegenüber den Juden aufkommen. Im Jahre 1936 kam es zu einer antisemitischen Aktion gegen die Häuser der Juden, die mit roter und schwarzer Farbe und gehässigen Parolen beschmiert wurden. Ein Brandstifter drang in den Betraum der jüdischen Gemeinde ein, zerschlug Inventar und legte Feuer, das jedoch von Passanten gelöscht werden konnte. In dieser Zeit hat der Kaufmann Max Alexander schwere körperliche Mißhandlungen erlitten, als er von SA-Leuten geschlagen wurde.

Nach der Verdrängung der jüdischen Bürger ging der Betraum in den Besitz der Stadt über. Der jüdische Friedhof, in dessen Umfriedung ein Hitlerjunge im November 1938 ein Loch gesprengt hatte, wurde geschändet und verkrautete allmählich.

Über den Bischofsburger Judenfriedhof hat der Allensteiner Arzt Heinrich Wolffheim an Yad Vashem berichtet, man habe die Beerdigungsstätte, nachdem keine Juden mehr in der Stadt wohnten, "angeblich aus eisenbahntechnischen Gründen konfisciert und darauf Bauten ausgeführt, ohne Beachten der Karenzzeit, auf die ich hingewiesen hatte und die bei einer Anzahl von Gräbern noch nicht erfüllt war." Hier ist dem Berichterstatter Wolffheim ein Irrtum unterlaufen. Wie ich in den Jahren 1960 und 1987 an Ort und Stelle selbst feststellen konnte, befinden sich auf dem jüdischen Friedhof in Bischofsburg/Biskupiec weder Bauten noch Fundamentreste. Er ist völlig verkrautet. Tiefe, von Gras überwachsene Gräben durchziehen den Boden. Nach der Aussage einer Verwandten in Bischofsburg, die mich zu dem Friedhof begleitete, stammen diese Bodenaushebungen von Grabräubern aus der Nachkriegszeit. Der Friedhof ist heute als solcher nicht mehr zu erkennen. Im vorderen Teil des Geländes stehen zwei oder drei junge Eichen und eine Föhre.

Verzeichnis der Juden von Bischofsburg und ihr Schicksal:

Alexander, Max, * 16. 2. 1899, Kaufmann, hatte im Hause von Frau Kurzbach am Markt 4 ein Glas- und Porzellanwarengeschäft, wohnte im Jahre 1963 Hanassis St. 41, Chedera, Israel.

Berkowitz, Louis, * 31. 7.1886 Friedrichshof Kr. Ortelsburg, hatte in seinem Haus Markt 21 ein Schuhgeschäft, das er 1928 von einem Jeschonnek erworben hatte, verkaufte seinen Besitz am 13.12.1932 an das Ehepaar Wenda, starb 1949 in Santiago de Chile; verh. mit Elly Kratter, die ihn dort überlebte.
Sohn Günter, * 1924/25, Schicksal unbekannt. Tochter Luzia, * 1927/28, lebt in Santiago de Chile.

Ellas, Meta, Witwe des Siegfried Elias (1915 verstorben), emigrierte 1938 nach Palästina, starb dort.
Sohn Alfred, * 1.10.1900 Osterode/Harz, verh. mit Betty N., Drogist in seinem Haus am Markt, das er am 31. 10. 1933 verkaufte, wohnt mit Frau und Tochter Judith in Gan Hashomron, Israel.
Sohn Werner, * 1902 Osterode/Harz, lebte 1988 mit seiner Frau in Trier.
Tochter Ilse, * 1908, lebt mit beiden Söhnen in Tel Aviv, Israel.6

Alexander, Max, * 16. 2. 1899, Kaufmann, hatte im Hause von Frau Kurzbach am Markt 4 ein Glas- und Porzellanwarengeschäft, wohnte im Jahre 1963 Hanassis St. 41, Chedera, Israel.

Berkowitz, Louis, * 31. 7.1886 Friedrichshof Kr. Ortelsburg, hatte inseinem Haus Markt 21 ein Schuhgeschäft, das er 1928 von einem Jeschonnek erworben hatte, verkaufte seinen Besitz am 13.12.1932 an das Ehepaar Wenda, starb 1949 in Santiago de Chile; verh. mit Elly Kratter, die ihn dort überlebte.
Sohn Günter, * 1924/25, Schicksal unbekannt.
Tochter Luzia, * 1927/28, lebt in Santiago de Chile.

Ellas, Meta, Witwe des Siegfried Elias (1915 verstorben), emigrierte 1938 nach Palästina, starb dort.
Sohn Alfred, * 1.10.1900 Osterode/Harz, verh. mit Betty N., Drogist in seinem Haus am Markt, das er am 31. 10. 1933 verkaufte, wohnt mit Frau und Tochter Judith in Gan Hashomron, Israel.
Sohn Werner, * 1902 Osterode/Harz, lebte 1988 mit seiner Frau in Trier.
Tochter Ilse, * 1908, lebt mit beiden Söhnen in Tel Aviv, Israel.

Frankenstein, Siegfried, Hauseigentümer und Inhaber eines Textilgeschäfts am Markt 30, starb vor 1933; verh. mit Mathilde Wistinski, * 23.12.1879 Thalheim Kr. Neidenburg; sie wurde in der Ausrottungsphase der Judenverfolgung am 28.3.1942 von ihrem Wohnsitz in Berlin-Wilmersdorf, Hohenzollerndamm 193, nach Trawniki deportiert, die Todeserklärung wurde auf den 31.12.1942 datiert.
Sohn Werner, * 9.9.1904, verließ Bischofsburg 1932, um eine jüdische Siedlerschule zu besuchen; er starb am 23.12.1948; seine Witwe Karoline, geb. Berg, und Tochter Ruth, verheiratete Tamir, wohnen 155 Herzl St. 25, Rechowot, Israel.
Tochter Else-Ruth, verheiratete Franklin, wohnte im Jahre 1980 884 West-End-Avenue, New York N.Y., USA.
Sohn Heinz, * 6. 3. 1914 Bischofsburg, starb 1980 in Tel Aviv, Israel.

Grünbaum, Siegfried, *15.9.1875 Ortelsburg, betrieb am Markt 6 das Manufakturgeschäft "Moritz David Nachf."; er starb am 4.11.1942 in Rio de Janeiro, Brasilien; verh. mit Meta David, die ihn dort überlebte.
Sohn Werner, *23.1.1910, starb in Rio de Janeiro.
Sohn Manfred-Moritz, Dr., *8. 8. 1908, wohnt Rua Sta Lucia 799-S 1702, Rio de Janeiro.

Hirschfeld, Alexander, Mitinhaber des Textilgeschäfts Petzall am Markt 31/35, wohnte in der Perbandtstraße zur Miete, Schicksal unbekannt; verh. mit Lydia, Tochter des Eugen Petzall (s. d.), *21. 7. 1891; sie wurde in der Ausrottungsphase der Judenverfolgung am 15.8.1942 von ihrer Wohnung Berlin-Charlottenburg, Sybelstr. 60, mit dem "18. Osttransport" nach Riga deportiert.
Tochter Anneliese, *um 1920, verheiratete Frost, lebt in Berlin-Schöneberg.

Lichtenstein, Sarah, ledig, wohnte bei der Witwe Paulka in der Brunnenstraße, wird als "arm und stets heiter" charakterisiert, wurde von jüdischen und nichtjüdischen Mitbürgern unterstützt; etwa 1937 wurde sie von der Gestapo abgeholt; wenig später erhielt ihre nichtjüdische Freundin Martha Moschall in Bischofsburg eine Postkarte von ihr, ein Aufenthaltsort war nicht genannt; jemand hatte die Karte gefunden, frankiert und abgesandt; Schicksal unbekannt.

Löwe, Markus, *19. 6. 1877 Bischofsburg, Hauseigentümer und Rohproduktenhändler in der Hindenburgstr. 17, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, Schicksal unbekannt; verh. mit der Tochter des Rohproduktenhändlers Samuel Jablonski in Bischofstein, die in jungen Jahren in Bischofsburg starb.
Tochter Dorothea, verh. mit James Silverstein, starb am 2.11.1989 in Rochester N.Y., USA.
Sohn Kurt, *1912/13, lebte 1972 in San Francisco, USA.

"Meyer & Libowski", Textilhaus in der Hindenburgstr. 4/6, Einzelheiten über die Besitzer des Geschäftes sind nicht bekannt. Die Familie Libowski verließ vermutlich 1935 Bischofsburg.

Petzall, Eugen, Witwer, besaß zusammen mit seinem Schwiegersohn Hirschfeld ein Textilgeschäft am Markt; als der Nachbar Weinberg konkurs ging, erwarb er dessen Geschäft und vereinigte es durch Umbau zu seinem Warenhaus am Markt 31/35; er starb am 11.11.1938 in Bischofsburg, seine Frau Rosalie starb 1928.
Tochter Lydia, (siehe oben unter Hirschfeld).
Tochter Betty, *11. 2. 1903, verheiratete Rosenberg, lebt in den USA.

Weinberg, Magnus, verh. mit einer Podbielski, kinderlos, Textilgeschäftsinhaber am Markt; er war ein großer starker Mann von impulsiver Eigenwilligkeit, Fahnenträger der Schützengilde, Mitglied von Sportvereinen und der Freiwilligen Feuerwehr; mußte Konkurs anmelden, sein Geschäft erwarb Eugen Petzall (s. d.), emigrierte nach Palästina, starb am 17. 9.1961 als Zoowärter in Tel Aviv.

Zack, Tobias, *4. 2. 1886 Sobiesierzno/Westpr., betrieb in der Ringstraße 10 einen kleinen Fellhandel, Witwer, verkaufte seinen Besitz 1934 seinem Freund Paul Bock, emigrierte, starb am 17. 2.1950 in Argentinien.
Sohn Leo, * 9. 4. 1913, wohnt in Florida, Prov. Buenos Aires, Carlos Pellegrini 1034, Argentinien.
Tochter Eva, * um 1925, Schicksal unbekannt.

Quelle: "Juden im Ermland" von Aloys Sommerfeld, Beiheft Nr. 10 der Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands; Selbstverlag des Historischen Vereins für Ermland,

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