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Der Markt
und das Rathaus

Vorlauben um den Marktplatz

Überlieferung und aktenmäßige Nachrichten lassen darauf schließen, daß auch Bischofsburg früher Vorlauben hatte, wie sie noch heute in Wormditt, Heilsberg und anderen ermländischen Städten vorzufinden sind. In den Grundakten Bischofsburg Nr. 28 (Gotzhein) ist in einer Auseinandersetzungsverhandlung von 1779 zu lesen: "Das Mälzenbräuerhaus vom ganzen Erbe 29 enthält in die Länge 222 Fuß, wovon 12 Fuß zu den vergangenen Liwden gehören." An einer anderen Stelle (1784) ist von "vergangenen "Löwden" die Rede. Vom Haus Nr. 27 (Zywina) wird 1776 gesagt, daß es vormals mit "Lifden" versehen war. Liwden, Lifden oder Löwden sind mundartliche Formen für Lauben.

Noch ein anderer Umstand läßt das frühere Vorhandensein der Vorlauben um den Marktplatz als wahrscheinlich erscheinen. Bischofstein war nur kurze Zeit vor der im Jahre 1395 erfolgten Gründung Bischofsburgs, nämlich im Jahre 1385, zur Stadt erhoben worden. Da nun feststeht, daß Bischofstein früher Laubenhäuser gehabt hat, dürfte man ein Gleiches für unsere durch niederdeutsche Kolonisten gegründete Stadt annehmen können. Beim Bau der Laubenhäuser wurde das obere Stockwerk um etwa drei Meter über das Erdgeschoß hinausgeschoben und durch Pfeiler gestützt. "Noch haben sich in einigen ermländischen Städten die alten Lauben erhalten, die so anheimelnd und traulich den Marktplatz umgeben und so prachtvoll zu den schmalen Giebelhäusern passen. In der alten Zeit dienten die Lauben in erster Linie dem praktischen Bedürfnis des Marktes. Hier, geschützt vor den Unbilden des Wetters und vor den sengenden Sonnenstrahlen, schlugen die Händler ihre Tische auf; hier wogte in qualvoll-fürchterlichem Gedränge die schau- und kauflustige Menge von Stand zu Stand. Jedem Bürgerhaus war bis zum Rinnstein ein Beischlag vorgelagert, und über demselben war ein Dach angebracht zum Schutz der Waren gegen Wetter und Sonne". (Dr. Matern)

Der Marktplatz - Mittelpunkt der Stadt

Der geräumige Marktplatz bildete den Mittelpunkt der Stadt. Je nachdem ursprünglich von den Kolonisten ganze oder halbe Hofstellen käuflich erworben waren, unterschied man ganze und schmalere, halbe Häuser. 1767 zählte man in derStadt 25 ganze und 51 halbe Häuser, wozu noch 14 Hakenbuden auf dem Markt und 154 Wohnbuden in den Hinterstraßen und Vorstädten kamen. In diesen Zahlen sind die nach dem Stadtbrand des vorangegangenen Jahres noch nicht wieder erbauten zwei halben Häuser, zwei Hakenbuden und 21 Wohnbuden mit einbegriffen. Die Zahl der ganzen und halben Häuser ist im Laufe der Zeit Änderungen unterworfen, da ganze Häuser infolge Verkaufs oder Erbschaft oft in halbe Häuser geteilt wurden.

Das Rathaus

Ein Rathaus wird in den amtlichen Erhebungen beim Übergang des Ermlandes an Preußen im Jahre 1772 nicht erwähnt. Ein solches hat aber nachweislich in früheren Jahrhunderten auf dem Marktplatz gestanden. 1609 wird das Rathaus in einem Spruch des Bischofs erwähnt. Der Rat der Stadt hatte gefordert, daß die Budner zum Bau des Rathauses und der anderen öffentlichen Gebäude ebensoviel wie die Großbürger leisten sollten. Der Bischof entschied jedoch, daß die Budner und Handwerksleute fortan nur die Hälfte von dem zu leisten haben, was die Bürger leisteten, die Haus und Hof besaßen. In Artikel 47 der Stadtwillkür von 1609 werden die Höker "unter dem Rathaus" erwähnt. Den gleichen Ausdruck finden wir in den bischöflichen Rechnungsbüchern von 1627 und 1633. In der vom Magistrat und der Gemeinde am 10. September 1767 aufgestellten "Taxe", der Schätzung des Grundvermögens, heißt es aber: "Hökerbuden unter dem Rathausstell". Wo die Hakenbuden zu jener Zeit standen, nämlich auf der südöstlichen Hälfte des Marktplatzes (nach dem früheren Finanzamt zu), war also der Standort des ehemaligen Rathauses. Dort hat es wohl bis zu den Stadtbränden des 17. Jahrhunderts (1659, 1692) oder gar bis zum Brand des Jahres 1766 gestanden.

Jener frühen Zeit, in der die Stadtmauern emporstiegen, verdankt auch das Rathaus seine Entstehung. Wegen seiner Bedeutung für das gesamte städtische Leben können wir seine Erbauung gleichzeitig mit der Gründung der Stadt annehmen. Wir dürfen vermuten, daß es wahrscheinlich aus Fachwerk mit viel Holz gebaut war und den verheerenden Stadtbränden mehrfach zum Opfer gefallen ist.

Wen mochte das alte Rathaus nicht alles beherbergt, was sich nicht alles in seinen Mauern abgespielt haben? Hier stieg der Fürstbischof ab, wenn er sein Land bereiste; hier nahm die Bürgerschaft die Befehle des Burggrafen entgegen, wenn dieser im Auftrage des Landesherrn die Stadt besuchte; im Rathaus hielt der bischöfliche Vogt Gericht; bischöfliche Kommissionen weilten in seinen Räumen, revidierten die städtischen Rechnungen, prüften an Ort und Stelle die Beschwerden der Bürgerschaft und stellten die "vielfältigen Unordnungen, Mißverständnisse und Zwiespältigkeiten" ab. Im Beratungssaal faßte die Gemeinde im dreizehnjährigen Städtekrieg (1454?1466) den folgenschweren Entschluß, dem Städtebund beizutreten. Dort übten freundliche und feindliche Söldnerführer ihre Gewaltherrschaft aus. In schwerer Kriegs- und Notzeit rief die Sturmglocke die aufgeregte Bürgerschaft zusammen. In glücklichen Zeiten wurde hier wohl manches fröhliche Bürgerfest gefeiert. Aber die Mauern seines Erdgeschosses vernahmen noch öfter das Stöhnen und Jammern gefolterter Missetäter.

Seit dem Untergang des einstigen Rathauses war die städtische Verwaltung bis in die neueste Zeit in der Wohnung des jeweiligen Bürgermeisters untergebracht, die zugleich als Versammlungsraum diente. So befand sich die Bürgermeisterei 1840-1874 zeitweise im heutigen Frankensteinschen, zeitweise im Harichschen, 1874-1877 im Olschewskischen (heute Kreditbank), 1877-1906 wieder im Frankensteinschen Hause. Seit dieser Zeit besitzt die städtische Verwaltung ihr eigenes Heim, das 1927-1928 zu einem würdigen Stadthaus umgebaut wurde.

1772 werden folgende öffentliche Gebäude der Stadt Bischofsburg genannt: "Propstei, Kaplanei, Schule, Glöcknerei (nach dem Brand noch nicht aufgebaut), Schreiberei, Brauhaus, Wachtbude, Dienerei, Hirthäuser mit Stallungen, Mühle, unter welcher sich die Wohnung des Halbmeisters befindet."

Ein hölzernes Wachthaus mit einer kleinen Sturmglocke wird in der Kämmereirechnung für 1783/84 aufgeführt. In diesem befand sich die Stadtwaage, die aus einem eisernen Waagebalken, zwei fichtenen Waageschalen und acht eisernen Ketten bestand. An Krämergewichten waren die damals üblichen Steingewichte vorhanden. Die Waage trug der Kämmereikasse im Jahre 1783/84 eine Einnahme von 37 Rtlr. 30 Gr., die Mehl? und Grützstofe eine solche von 2 Rtlr. 30 Gr. ein. Die Normalmaße, Pferdemaß, hölzerner Scheffel, zinnerner Berliner Stof und eiserne Berliner Elle, wurden im Magistratsgeschäftszimmer aufbewahrt und für die Benutzung durch die Bevölkerung zur Verfügung gehalten. Im Wachthaus befanden sich auch die Strafwerkzeuge. Nach Abschaffung der Folter wird 1784 nur noch der spanische Mantel erwähnt.

Auf dem Marktplatz standen bis 1824 zwei Häusergruppen: eine fast quadratisch, die 14 Hakenbuden, auf der Markthälfte nach dem früheren Finanzamt zu, eine zweite, ein langgestrecktes, schmales Rechteck, das von dem öffentlichen Brauhaus, dem Spritzenhaus und der Wache mit dem Gefängnis und Bürgergewahrsam gebildet wurde, auf der anderen Markthälfte. Zwischen den beiden Häuservierecken war eine schmale Gasse, wie dies aus der Flurkarte von 1823 ersichtlich ist. Im Jahre 1824 brannten die Hakenbuden und die an sie angebauten Brotbänke ab, und Wache, Spritzenhaus und Brauhaus wurden abgebrochen und an anderen Stellen der Stadt wieder errichtet.

Quelle: Robert Teichert "Die Geschichte der Stadt Bischofsburg", erschienen 1935

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