AUS DER SCHULE GEPLAUDERT...

von Gerd Bartels

Vorwort
Beim letzten Schultreffen in Boppard habe ich so aus dem Stegreif etwas über die Oberscnule für Jungen in Bischofsburg erzählt mit dem Erfolg, dass ich von. vielen. Mitschülern gebeten wurde, das doch einmal zu Papier zu bringen... Ich will es versuchen. Vieles, was ich aus der Schule plaudere, habe ich selbst erlebt; denn schließlich wurde ich in der Schule geboren. Was vor meiner Zeit war, entnehme ich der "Geschichte der Stadt Bischofsburg" von R. Teichert.

Evangelische Eltern gründen eine "Familienschule"
Die Geburtsstunde der Schule war eine Initiative evangelischer Eltern des 19. Jahrhunderts. Die evangelische Gemeinde war sehr klein und die schulische Versorgung der Kinder, die eine weiterführende Schule besuchen wollten, daher sehr unzureichend. Es wurde eine "Familienschule" gegründet, die mit dem ersten Grundschuljahr begann. Die evangelische Gemeinde und damit der Wunsch nach besserer Schulbildung wurden stärker durch den Zuzug von Offiziersfamilien, als Bischofsburg 1898/99 Garnisonsstadt wurde. 1901 wurde ein eingetragener Verein Träger der Privatschule. Es wurde ein eigenes Schulgebäude mit drei Klassenräumen, Lehrerzimmer und Schuldienerwohnung in der Gerichtsstraße errichtet. Die Schüler wurden für die Aufnahme in die Untertertia einer weiterführenden Schule vorbereitet.

1909 ging die Schule in städtischen Besitz über. Sie entwickelte sich gut und war in ihrem Lehrplan auf das humanistische Gymnasium in Rössel abgestimmt. Bei Ausbruch des Krieges 1914 umfaßte die Schule drei Vorschulklassen und die Gymnasialklassen Sexta bis Obertertia. Sie wurde von 154 Schülern besucht, davon 30 "Auswärtige", besucht. Das Schulgebäude in der Gerichtsstraße war längst zu klein. Daher wurde außerdem in einem benachbarten Privatgebäude und in freien Klassen der Grundschulen unterrichtet, übrigens nach Jungen und Mädchen fein säuberlich getrennt. Man fasste den Beschluß, ein neues Schulgebäude zu errichten und hatte bereits einen Bauplatz in der Hindenburgstraße dafür vorgesehen. Der Erste Weltkrieg zerschlug diese Pläne.

Warum der Ober zum "Ober" wurde

Mein Vater war als Studienassessor an die Schule gekommen. Er war in Neudims geboren und hatte nach dem Besuch des Rößeler Gymnasiums in Königsberg studiert. 1916 stand er vor der Wahl, entweder eine ihm inzwischen verliehene Studienratsstelle oder die Leitung der Schule in Bischofofsburg zu übernehmen. Er entschied sich für Bischofsburg! Übrigens wurde er erst 1918 auch Leiter der Mädchenschulklassen, die bis dahin völlig getrennt wurden. Da die Schule nicht staatlich, sondern städtisch war, führte er den Titel "Oberlehrer", was im Schuljargon dann zum "Ober" wurde.

Nach Kriegsende wurden in den sogenannten "Feuerabendschen Häusern" in der von Perbandt-Straße Offizierswohnungen frei, und ein Teil der Schule zog dorthin um. 1921 erhielt die Schule das Recht, die Obersekunda einzurichten und die Prüfung der Mittleren Reife unter staatlicher Aufsicht durchzuführen. Die Vorschulklassen wurden abgebaut und Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet. Es wurde der Lehrplan eines Reformreal-Gymnasiums eingeführt.

Nach dem Versailler Vertrag wurde die Bischofsburger Garnison aufgelöst und das ehemalige Garnisonslazarett als Schulgebäude hergerichtet. 1924 durfte ich dann endlich das Licht der Welt oder besser gesagt, das Licht des neuen Schulgebäudes mit seinem schönen Park erblicken. Da nachmittags kein Unterricht war, hatten mein Bruder und ich sowie die beiden Söhne das damaligen Hausmeisters Walter das ein Hektar große Gelände zur freien Verfügung.

"Plumsklos" und "Kanonenöfen" aus alter Zeit
Wir interessierten uns natürlich auch für die Nutzung als Lazarett in der Vergangenheit. Da war zunächst gleich links neben dem imposanten schmiedeeisernen Eingangstor der Zeichensaal. Wenn man genauer hinsah, bemerkte man an der Stirnseite ein zugemauertes Tor. Das war früher die Leichenhalle, und durch das Tor wurden die Toten gefahren. Die Nebenräume am Eingang des Zeichensaals waren die Sezierräume. Der Fahrradschuppen war früher das Pumpenhaus für die eigene Wasserversorgung. In der ehemaligen lsolierstation wohnte der Hausmeister. Ursprünglich war dort noch die Bischofsburger Jugendherberge untergebracht. Sie wurde später in einen Raum für den Werkunterricht der Mädchen umgewandelt. Im hinteren Teil des Schulparks befand sich ein Werkstatt- und Lagergebäude. Es war früher die Entlausungsanstalt. Zwischen zwei größeren Räumen befand sich ein von beiden Seiten zugängiger Kessel, in dem die Kleider entlaust wurden. Gleichzeitig wurde der dazugehörige Mann durch mehrere kleine Räume geschleust, in denen ihm die Haare geschoren wurden und wo er gebadet wurde.

Im Schulgebäude selbst war der Raum mit dem großen Fenster nach Osten, der zunächst Physik-, Chemie- und Biologieraum und später nur noch Biologieraum war, der Operationssaal. Die Toiletten befanden sich noch an gleicher Stelle, waren aber "Plumsklos" mit großen fahrbaren Auffangbehältern im Keller. Zum Entleeren gab es einen Extra-Eingang in den Keller an der Nordseite. 1930 wurde dort die Zentralheizung eingebaut. Bis dahin wurde jeder Raum einzeln mit einem sogenannten "Kanonenofen" beheizt.

Es unterrichteten acht hauptamtliche und zwei nebenamtliche Lehrkräfte. Leider mußten einige Lehrer damals die Schule verlassen, da sie keine Lehrbefähigung für Gymnasien hatten. Absolventen der mittleren Reife 1928Dazu zählten unter anderem die Herren Saalmann (Zeichnen) und Otto (Musik) sowie die Damen Schotowski, genannt Mona, Rose und Gallien. Dafür kamen einige Lehrer aus Westdeutschland, so die Herren Dr. Leven, Groß und Frau Olimart. Bei Herrn Breuer, Frau Dr. Hasselbaum, Frau Langmann, Herrn Kühnapfel und Herrn Radtke kann ich mich leider nicht mehr erinnern, woher sie kamen (Einfügung der Red.: Sie waren alle Ostpreußen). Hoffentlich habe ich nicht überhaupt den einen oder anderen Namen vergessen. Eigentlich müßte ich sie alle kennen, oft sogar mit ihren sehr menschlichen Schwächen... Schließlich wurden sie alle mindestens einmal im Jahr zu uns eingeladen. Da haben mein Bruder und ich natürlich fleißig die Ohren gespitzt, um möglichst viel von dem aufzuschnappen, was wir eigentlich gar nicht hören sollten.

Mehrere Lehrer mussten das "Reformrealprogymnasium" verlassen
1934 wurde die Schule staatlich und erhielt den stolzen Namen "Reformrealprogymnasium". Mein Vater erhielt den Titel "Studiendirektor". Die Schülerzahl war auf 186 gestiegen, davon 51 "Auswärtige".

Doch zurück zur Schule. Mein Vater und der damalige Bürgermeister Mayer setzten alle Hebel in Bewegung, um endlich "Vollanstalt" zu werden, an der man das Abitur machen konnte. Dafür mußten zunächst einmal staatliche Auflagen erfüllt und die Schule erweitert werden. Das war das Ende meines "Schuldaseins", denn wir mußten ausziehen und Platz für neue Klassen machen. Gleichzeitig wurde aufgestockt und außer einer Aula auch noch ein Chemieraum eingerichtet. Alle naturwissenschaftlichen Fächer hatten nun eigene Unterrichtsräume, und der Anerkennung als "Oberschule für Jungen" stand nichts mehr im Wege. Begünstigt wurde das Ganze durch eine Schulreform, mit der die naturwissenschaftliche Bildung besonders gefördert werden sollte.

Mein Vater blickte natürlich voll Stolz auf sein Lebenswerk und durfte sich ab sofort "Oberstudiendirektor" nennen. Das Gymnasium in Rößel sollte im Gegenzug zum Bischofsburger Aufbau abgebaut werden. Der dortige Direktor, ein Schulfreund meines Vaters, war darüber sehr böse. Ich glaube, er konnte es letztendlich dann doch verhindern.

Angst vor Einbrechern
Wie ich schon erwähnt habe, war so ein schönes großes Spielgelände wie unser Schulpark für uns als Kinder ideal. Leider war die Schule das letzte Gebäude der Stadt, und wenn man bei Dunkelheit heimkam und durch den stockdunklen Park zum Eingang ging, war es schon ganz schön unheimlich. Dazu kam noch der Ruf eines Käuzchens, dessen Stammplatz eine hohe Pappel war. Auch mein Vater dachte wohl öfter an Einbrecher oder ähnliches. Jedenfalls kämpfte er ab und zu im Traum mit ihnen, und meine Mutter bekam dann blaue Flecken ab. Besonders unheimlich war es, als plötzlich nachts alle Schulglocken läuteten: Ein Kurzschluß war die Ursache.

Als kleines Kind saß ich gern auf Vaters Schoß, wenn er Hefte korrigierte. Jeder rote Strich begeisterte mich, zumal mein Vater auch jedesmal einen drastischen Kommentar dazu abgab. Unser Verhältnis wurde später dadurch beeinträchtigt, daß er immer in den Zwiespalt Vater-Lehrer geriet. Er vermied es zwar, in unserer Klasse Unterricht zu geben, aber ganz ließ sich das nicht vermeiden. Manche Lehrer waren leider furchtbare Klatschtanten. Alles, was ich so im Laufe des Unterrichts an Blödsinn verzapfte, wurde brühwarm meinem Vater berichtet. Gottseidank war er so klug, es weitgehend für sich zu behalten. Besonders interessant waren "Spionageaufträge": Wer ein schlechtes Zeugnis oder gar ein "Sitzenbleiben" befürchtete, wollte von mir eine Vorabinformation. Die Möglichkeit dazu bestand durchaus, weil mein Vater zusammen mit meiner Mutter jedes Zeugnis kontrollierte, bevor er es unterschrieb. Meine Mutter las laut vor, und mein Vater verglich. Ich lauschte im Nebenraum. Leider ging das Ganze so schnell, daß ich kaum etwas verstand. Nur die lauten Kommentare meines Vaters, wenn ein Lehrer mal wieder etwas falsch abgeschrieben hatte, verstand ich, mühelos.

Die Schule war wieder Lazarett
Ich war das letzte Mal zur Jahreswende 1944/45 in Bischofsburg. Es war ein trauriger Urlaub. Von Ferne hörte man die Kanonen, und man lebte mit gepackten Koffern. Die Schule war zu und das Haus wie vor vielen Jahren Lazarett. Mein Vater, der sich über nichts so aufregen konnte wie über das mutwillige Beschädigen von Schuleigentum, sah dem Verschrotten von kostspieligen Lehrmitteln tatenlos und resignierend zu. Sein Lebenswerk gab es nicht mehr!

Ich hoffe, daß alle "Ehemaligen" die Schule und ihr Umfeld so positiv in Erinnerung behalten werden, wie ich es tue. Es war für mich nicht nur mein Geburtshaus, sondern auch die Stätte einer schönen und unbeschwerten Jugend.

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